Erfolge des Vereins

 

 

 

 

Gründung: 02. September 1911

Bisherige Titel:

  • Deutscher Meister 1997, 2003
  • Deutscher Pokalsieger 1995, 1997, 2002
  • Europapokalsieger der Pokalsieger 1996
  • EHF-Cup-Sieger 2006, 2010
  • Supercupgewinner 1997, 1999, 2002, 2003 

Historie

1911-1945

Der Ballspielverein Lemgo 1911 - so die offizielle Klubbezeichnung bis in das Kriegsjahr 1942 hinein - besteht bereits 13 Jahre, als die Bälle in Lemgo endlich das Fliegen lernen. Die erste Handballmannschaft setzt sich denn auch, wie es Gründungsmitglied Fritz Brenker einmal humorig ausdrückte, überwiegend aus "ausgedienten und kaputten Fußballern" zusammen.

Einen "Starspieler" gibt es auch damals schon. Lemgos Alt-Bürgermeister August Flohr ist der bekannteste Akteur in einer Mannschaft, die stets weit reisen muß. Da der BV Lemgo als einziger lippischer Verein dem Westdeutschen Spielverband angehört, darf er nur gegen außerlippische Vereine antreten. Die Fahrten führen zu den Bielefelder Mannschaften Arminia, Polizei, VfB, Fichte und SuS sowie nach Gütersloh.

1945-1974

Seinen heutigen Vereinsnamen Turn- und Ballspielverein von 1911 trägt der Verein seit dem zweiten Weltkrieg. Da in Städten unter 20000 Einwohnern nur ein Klub zur Pflege der Leibesübungen erlaubt ist, vereinigen sich Turner und Sportler im TBV Lemgo, einem Zusammenschluß aus den Traditionsvereinen BV 1911, der Deutschen Turnerschaft und dem Arbeitersportverein.

Erste nennenswerte Erfolge stellen sich in den sechziger Jahren in der Feldhandball-Ära ein. Der TBV Lemgo schlägt in der Regionalliga, seinerzeit die höchste deutsche Spielklasse, eine scharfe Klinge. Sowohl als Spieler als auch als Trainer hautnah dabei ist Dieter Schönbrodt, später Sportlicher Leiter des TBV Lemgo. Er führt die Hallenhandballmannschaft 1974 als Coach in die Oberliga.

1978-1983

1978 werden unter dem frisch gewählten Abteilungsleiter Werner Westerhaus neue Wege beschritten. Mit der spektakulären Verpflichtung von Deutschlands Rekordnationalspieler Herbert Lübking bekommt der Handball in Lemgo seinen entscheidenden Schub. 

Als der ursprünglich nur als Trainer vorgesehene Lübking in der Saison 1979/80 selbst noch einmal aktiv eingreift, nimmt die Meisterschaft in der Oberliga Konturen an. Parallel zum sportlichen Aufschwung erfolgt der Umzug aus der kleinen Heldmanskamphalle in die Kreissporthalle auf dem Lüttfeld. Die Regionalliga ist nur eine Durchgangsstation.

Bereits 1981/82 glückt der Aufstieg in die neu eingerichtete 2. Bundesliga. Erst am letzten Spieltag gelingt in Berlin der Klassenerhalt. Es ist das Abschiedsspiel von Herbert Lübking, der durch den blutjungen Mindener Postboten Hotti Bredemeier ersetzt wird. Ein Glücksgriff von Abteilungsleiter Jürgen Kuchenbecker, der seit 1980 die Geschicke leitet und eine rasante Entwicklung forciert. Der zweite Platz in der 2.Liga Nord berechtigt in der Saison 1982/83 zu zwei Relegationsspielen gegen den TuS Griesheim. 19:18 hat der TBV das Hinspiel in Südhessen gewonnen - der Bundesligaaufstieg scheint nur noch eine Formsache. 

Das Traumziel vor Augen sind Harke, von Boenigk und Mannen eine Woche später wie gelähmt. Als der TuS Griesheim am 14. Mai 1983 bereits mit 13:7 führt, erlebt das Lüttfeld eine seiner größten Aufholjagden. 

Getragen von einer Welle der Begeisterung biegt der TBV Lemgo das Spiel mit 18:16 noch herum und findet sich in der Saison 1983/84 in der höchsten deutschen Spielklasse wieder.

1984-1986

Erster Bundesligatrainer wird mit Ulrich Schönbrodt ein echtes Eigengewächs, das natürlich immer an seinem schweren Herzens nach Düsseldorf weitergewanderten Vorgänger Horst Bredemeier gemessen wird. Im Februar 1984 wird Schönbrodt von Hennes Sulk abgelöst. Der Abstieg kann jedoch nur aufgrund der Affäre Klempel und dem Zwangsabstieg von Frisch-Auf Göppingen vermieden werden.

Die Saison 1984/85 steht ganz im Zeichen von Sigurdur Sveinsson. Der urwüchsige Isländer katapultiert sich mit 191 Treffern an die Spitze der Bundesligatorschützenliste. Weil der TBV Lemgo auswärts einfach kein Bein an die Erde bekommt, ist der Klassenerhalt erneut akut gefährdet. Hennes Sulk wirft kurz vor Serienende frustriert das Handtuch. Per "Fernsteuerung" bereitet Hotti Bredemeier aus Düsseldorf die Mannschaft auf die letzten Saisonspiele vor.

Und das Wunder wird tatsächlich Wirklichkeit. Mit 25:20 feiert der TBV Lemgo im letzten Saisonspiel bei der SG Weiche-Handewitt seinen ersten Auswärtssieg nach zwei Jahren Bundesliga und schafft aus eigener Kraft den Klassenerhalt. Doch das Zittern geht weiter.

Unter Motivationskünstler Günter D. Klein, im Hauptberuf Dozent an der Sporthochschule in Köln, wird der TBV Lemgo in der Saison 1985/86 von zwei Schicksalsschlägen erschüttert. Torjäger Sveinsson zieht sich am fünften Spieltag in Gummersbach einen Kreuzbandriß zu und Jens Büscher, ein großes Kreisläufertalent, verunglückt tödlich bei einem Verkehrsunfall. Am Ende springt Platz zehn heraus.

1987-1996

Einen Rang besser endet die Saison 1986/87. Die folgenden beiden Spielzeiten stehen ganz im Zeichen von Wolfgang Herz, dem Co-Trainer des zum OSC Dortmund gewechselten Günter D. Klein.

Offiziell immer nur im zweiten Glied, führt er die Mannschaft nach dem mißglückten Engagement von Walter Haase in der Saison 1987/88 zum Klassenerhalt und spielt nach der Entlassung von Vitomir Arsenijevic auch in der Saison 1988/89 erfolgreich den Feuerwehrmann. Kontinuität hält im Sommer 1989 mit der Verpflichtung von Lajos Mocsai Einzug. Der Handballprofessor aus Budapest, der die ungarische Nationalmannschaft gerade zur Vizeweltmeisterschaft geführt hat, kultiviert den Handballsport in der Region.

Kontinuierlich geht es bergauf. Auf Anhieb schafft der TBV Lemgo als Tabellenachter in der Spielzeit 1989/90 den Sprung in die Play-Offs und muß sich erst in der Verlängerung des Halbfinales dem späteren Titelträger TV Großwallstadt geschlagen geben. Als die zuvor mit dem Schweizer WM-Torschützenkönig Marc Baumgartner und den beiden Rheinhausener Nachwuchstalenten Daniel Stephan und Achim Schürmann ergänzte Mannschaft 1994/95 keinen Respekt mehr in fremden Hallen zeigt und mit sieben Siegen endlich ihre Auswärtsschwäche ablegt, rückt der Schritt zur nationalen Spitze immer näher. Der dritte Platz in der Meisterschaftsserie wird veredelt mit der Deutschen Pokalmeisterschaft. Nach dem 24:18 über den HSV Düsseldorf verwandeln zahlreiche Lemgoer Fans die Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg am 2.April 1995 in ein Tollhaus.

Das i-Tüpfelchen der auf Rang drei beschlossenen Saison 1995/96 ist die erstmalige Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb. Über Velenje, Wolgograd und Kosice stürmt der TBV Lemgo ungeschlagen ins Halbfinale, wo nach einem 25:23-Hinspielsieg am 30. März 1996 die Hölle von Bitola auf Zerbe & Co. wartet. Drei Sekunden vor Schluß gelingt Frank Ziegler das entscheidende Tor zum 23:24. 15000 mazedonische Fans vor und 6000 fanatische Zuschauer in der gefürchteten Mladost-Halle sind maßlos enttäuscht.

Zum Europapokalfinalhinspiel zieht der TBV Lemgo am 20. April 1996 erstmals in die Bielefelder Seidenstickerhalle um. Das vor 5000 Zuschauern herausgespielte 24:19-Polster reicht auch im Rückspiel. Nach dem 25:26 bei Teka Santander bereiten über 5000 Lemgoer dem frischgebackenen Europacupsieger der Pokalsieger auf dem Marktplatz einen rauschenden Empfang.

Für Lajos Mocsai ist es nach sieben Jahren die Stunde des Abschieds. Ebenso für Rechtsaußen Frank Ziegler, der 14 Jahre lang für den TBV die Zuverlässigkeit in Person darstellte. Ein glückliches Händchen beweisen Beiratsvorsitzender Paul-Gerhard Reimann und Sportlicher Leiter Dieter Schönbrodt bei der schwierigen Auswahl des Mocsai-Nachfolgers. Der 36jährige Weißrusse Juri Schewzow feiert einen sensationellen Einstand und erzielte mit aktuellen 32:2 Punkten einen neuen, fantastischen Startrekord in der jüngsten Bundesligageschichte.

Bild und Text
Quelle: Jörg Hagemann (j.hagemann@lz-online.de)

1997 - 2002

Mit 53:7 Punkten fegt der TBV über den Rest der Liga hinweg und hat am Ende der Saison 1996/1997 unglaubliche zwölf Punkte Vorsprung auf die SG Flensburg-Handewitt auf Platz zwei. Und auch im DHB-Pokal ist Lemgo nicht zu stoppen. Mit einem souveränen 28:23 gegen die HSG Dutenhofen/Münchholzhausen macht der TBV das Double perfekt.

Fynn Holpert, bis dato im Tor des TBV beschäftigt, wechselt vom Spielfeld nahtlos in die Geschäftsführung des TBV Lemgo und treibt in den folgenden Jahren die Erfolgsgeschichte des Vereins entscheidend mit voran.

So folgen auf das Meisterjahr in der Liga die Plätze zwei (1998), drei (1999)und vier (2000). In seiner letzten Saison mit dem TBV scheitert Schewzow denkbar knapp an der zweiten deutschen Meisterschaft. Am vorletzten Spieltag unterliegt der TBV in Großwallstadt mit 19:22 und landet am Ende mit 58:18 Punkten einen Zähler hinter dem SC Magdeburg.

Nach der Saison trennen sich die Wege des TBV Lemgo und Schewzow, der fortan bei TuSEM Essen die sportlichen Geschicke leitete. Als Nachfolger trat Zbigniew Tluczynski in der Saison 2001/2002 in die großen Fußstapfen seines Vorgängers. Mit dem gebürtigen Polen gewinnt der TBV zwar den DHB-Pokal durch ein 25:23 über den SC Magdeburg und belegt in der Tabelle Platz drei, doch die Liaison ist bereits nach einer Saison wieder beendet.

2002 - 2006

Der Verein präsentiert als neuen Trainer Volker Mudrow. Die Fachwelt ist erstaunt, dass der TBV auf einen damals 33-jährigen Trainer vertraut, der bislang noch keine Erstliga-Erfahrung aufweisen konnte. Doch die Zweifler sollten schnell eines Besseren belehrt werden. Mit fantastischem Tempohandball und der konsequent umgesetzten "schnellen Mitte" wird Lemgo mit der Rekord-Punktzahl von 62:6 Punkten 2003 zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte Deutscher Meister.

Der erhoffte Griff nach Europas Krone misslingt dem TBV Lemgo in den folgenden Jahren, in denen sich jeweils Celje Pivovarna in der Champions League als zu hohe Hürde erweist.

2006 ist es dann endlich soweit: Nach zwei dramatischen Halbfinal-Spielen im EHF-Cup gegen den VfL Gummersbach steht der TBV zehn Jahre nach dem Triumph im Pokalsieger-Wettbewerb erneut in einem europäischen Finale. In Göppingen gewinnt der TBV mit 30:29 und hat die besten Voraussetzungen geschaffen, vor heimischem Publikum den Triumph perfekt zu machen. Nach einem großen Kampf siegt Lemgo auch im Rückspiel mit 25:22 und holt sich den zweiten internationalen Titel in der Geschichte des Vereins.

2006-2010

2006 beendet einer der im wahrsten Sinne des Wortes ganz Großen des Welthandballs seine Karriere. Volker Zerbe beendet seine aktive Laufbahn und wechselt als Sportlicher Leiter in das Management "seines" TBV. Ein Jahr später wechselt Geschäftsführer Fynn Holpert nach Flensburg, sein Nachfolger wird fast logischerweise Volker Zerbe.

2007 ist für den TBV Lemgo ein sehr bedeutsames: Mit der heristo AG erhält der TBV Lemgo nicht nur einen neuen Hauptsponsor, sondern einen Mehrheitsgesellschafter, der als Unternehmen der Region den Spitzenhandball beim TBV auf Jahre hinaus sichert.

Sportlich braucht der TBV in dieser Phase jedoch Zeit, sich entsprechend zu finden. Im Januar 2007 wird Trainer Volker Mudrow beurlaubt, zur neuen Saison 2007/2008 wird Peter Meisinger sein Nachfolger, dessen Vertrag jedoch nach vier Monaten in beiderseitigem Einvernehmen wieder aufgelöst wird. Auf Peter Meisinger folgt Markus Baur als Trainer, der nach langen Jahren als Spieler des TBV nun die Geschicke an der Seitenlinie lenkt. Baur wird in seinem ersten Jahr Vierter, wird nach der verpassten Champions League Qualifikation im Sommer 2009 allerdings ebenso beurlaubt wie der Sportliche Leiter Daniel Stephan.

Einen Tag vor dem ersten Saisonspiel der Saison 2009/2010 sagt Volker Mudrow an seiner alten Wirkungsstätte als Trainer zu. Und wie in seinem Premierenjahr 2003 holt "Mu" mit dem TBV den nächsten Titel: Im EHF-Cup triumphiert der TBV im Finale gegen die Kadetten Schaffhausen und holt somit den dritten internationalen Titel der Vereinsgeschichte.

DIE LIPPERLANDHALLE

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Vereins ist die erneute Erweiterung der Lipperlandhalle. 2005 wird das neue Lemoger Schmuckstück fertig gestellt und der TBV hat fortan eine knapp 5.000 Zuschauer fassende, hochmoderne Multifunktionsarena als neue Heimspielstätte. Parallel dazu ging Lemgo bereits den Weg, mit dem Gerry Weber Stadion in Halle eine neue Heimspielstätte aufzubauen, um bei Spitzenspielen dem Ansturm der Fans gewachsen zu sein. Die Premiere findet am 9. Mai 2004 gegen den VfL Gummersbach statt. Knapp 11.000 Zuschauer erleben in dem einstigen Tennis-Tempel, den 32:30-Sieg des TBV Lemgo. Dieses Spiel war sicherlich einer der Grundsteine für die Entscheidung die Halle weiter umzubauen und das Gerry Weber Stadion somit zur WM-Spielstätte 2007 ernennen zu können.

DER WELTREKORD

Gerade einmal vier Monate nach dem ersten Auftritt im Gerry Weber Stadion schreibt der TBV erneut Handball-Geschichte - für die Ewigkeit. 30.925 Zuschauer erleben den Saisonauftakt der Spielzeit 2004/2005 gegen den THW Kiel in der Arena AufSchalke und bilden eine gigantische Kulisse, die gleichzeitig einen Weltrekord für Vereinsspiele bedeutet. Lediglich die 26:31-Niederlage trübt die gigantische Handballparty aus Lemgoer Sicht.

 

 

 

 

Sternstunden

DER ERSTE AUSWÄRTSSIEG 1985 GEGEN SG WEICHE-HANDEWITT

1983 stieg der TBV Lemgo völlig überraschend in die Erste Bundesliga auf. Und in den ersten Jahren kannte das Team nur ein Ziel: Den Klassenerhalt. Mit viel Glück überstand der TBV die Saison 1983/84. Doch in der Saison 84/85 schien es lange, als sei eben dieses Glück bald aufgezehrt. Nicht einen einzigen Auswärtssieg hatte die Mannschaft in zwei Jahren Bundesligazugehörigkeit errungen. Und zwei Spieltage vor Saisonschluss, mitten im heißesten Abstiegskampf, warf auch noch Trainer Hennes Sulk das Handtuch!

Lemgos Ex-Trainer Hotti Bredemeier, der den TBV zwei Jahre zuvor in die 1. Liga geführt hatte, sprang in die Bresche. Er betreute die Mannschaft für die letzten zwei Spiele der Saison, teilweise sogar per Telefon! Denn eigentlich stand Bredemeier ja in Diensten der TuRu Düsseldorf. Fortan siegte Lemgo, zunächst im Heimspiel gegen Hofweier mit 22:18. Aber für den Klassenerhalt musste jetzt noch ein Sieg im Spiel gegen die gleichfalls vom Abstieg bedrohte SG Weiche-Handwitt her: Ein Auswärtssieg war gefordert, der erste nach zwei Jahren!

Am 18. Mai 1985 war es soweit: Nach 25 sieglosen Auswärtsspielen landete Lemgo unter unerhörtem Druck den ersten Sieg in fremder Halle. Und dennoch blieb das Team gelassen. Diethard von Boenigk – von 1983 bis 1988 spielte er für den TBV, erinnert sich: „Jeder hatte uns doch längst abgeschrieben, und deshalb konnten wir eigentlich nur gewinnen, während die Flensburger zum Erfolg verdammt waren. Wir waren damals eine superhomogene Truppe und haben uns, telefonisch von Hotti Bredemeier beraten, auf die Flensburger eingestellt. Daher kamen wir auch gut ins Spiel und haben es geschafft, hinten die Bude zuzunageln. Und je länger das Spiel dauerte, desto größer wurde der Druck für die SG Weiche-Handewitt. Wir konnten konzentriert bleiben – und holten das Spiel schließlich nach Hause“: Mit 25:20 gewann der TBV und schaffte damit den Klassenerhalt.

Für einen Moment lang schien es, als sei die SG Weiche-Handewitt abgestiegen. Doch als der Hallensprecher das Unentschieden des Konkurrenten TuRa Berkamen verkündete, war auch der Flensburger Klassenerhalt gesichert. Und nun startete eine gemeinsame Nichtabstiegssause, wie sie bis dahin nicht gesehen worden war.

Foto: Jörg Hagemann

NACH VIER JAHREN ABSTIEGSKAMPF BEHAUPTET SICH DER TBV

Die dritte Bundesligasaison 1985/86 stand erneut im Zeichen des Abstiegskampfes. Der nie erwartete Auftaktsieg gegen den THW Kiel gab den Lemgoer Fans Hoffnung, aber dann brach das Team ein. Siggi Sveinsson, bislang einzig starker Angreifer des TBV, fiel für Monate verletzt aus. Katastrophale Niederlagen machten die Hinrunde zu einer Tortur, und die Rückrunde verlief schlimmer denn je: Mit 9:27 Punkten stand der TBV im April 1986 auf den vorletzten Platz, beinahe schon abgestiegen.

Doch dann kehrte Sveinsson zurück, und der TBV nahm den Kampf an: Sieg in Göppingen, Sieg in Minden, Heimsiege gegen Dortmund und Düsseldorf sowie ein Unentschieden gegen Essen hielten die Mannschaft im Spiel. Und wieder sollte die letzte Partie der Saison über Abstieg oder Ligaverbleib entscheiden. Gegen die Reinickendorfer Füchse war Lemgo zum Siegen verdammt, und das Team hielt dem unerhörten Druck stand. Mit 33:16 holte der TBV den höchsten Sieg seiner Bundesligageschichte: Klassenerhalt geschafft.

In der Saison 1986/87 sollte es endlich aufwärts gehen, Schluss mit dem ewigen Abstiegskampf. Mit einer deutlich verstärkten Mannschaft, in der jede Position doppelt besetzt war, spielte das Team seine Heimstärke voll aus: 23 Zähler holte der TBV in der heimischen Lüttfeldhalle. Selbst starke Teams wie TUSEM Essen und der THW Kiel wurden unter dem frenetischen Beifall der Lemgoer Fans geschlagen. Doch auswärts blieben die Leistungen unterirdisch. Erst im März war der erste Auswärtssieg der Saison erreicht: 24:23 hieß es am Ende einer unglaublich spannenden Partie gegen die SG Weiche-Handewitt. Und nach einem zweiten Auswärtssieg gegen den VFL Hameln (23:22), war der Klassenerhalt vier Tage vor Saisonende geschafft. Platz 9 bei 23:29 Punkten hieß es am Ende der Saison, die trotz aller Schwächen den stärksten TBV aller Zeiten gesehen hatte.

Die Mannschaft – daran gab es keinen Zweifel mehr – war tatsächlich in der Ersten Bundesliga angekommen. Heinz Hahn, der den TBV als Betreuer Jahre lang begleitet hat, resümiert: "Der Schlüssel des Erfolges lag in der Geschlossenheit und im familiären Charakter der Mannschaft. Das Miteinander im Team und die Leidenschaft für den Verein prägten den TBV in dieser Zeit. Auf dieser Basis konnten wir den jahrelangen Abstiegskampf durchstehen und uns schließlich erfolgreich behaupten."

Foto: Jörg Hagemann

MANAGER KUCHENBECKERS ROTE KARTE

Die Saison 1989/90 sollte zu einem Wendepunkt in der Geschichte des TBV Lemgo werden. Denn nach den ersten fünf gnadenlos grausamen Spielen mit ganzen 1:9 Punkten, drehte das Team unter Trainer Moscai auf. Eine furiose Siegesserie folgte, und mit den schönsten Hoffnungen verabschiedete sich der TBV in die Winterpause. Im ersten Rückrundenspiel am 6. Januar jedoch – es ging gegen den VFL Fredenbeck – drohte eine Niederlage.

Sechs Minuten vor Schluss führte Fredenbeck mit 16:13 Toren, und die Situation war mehr als bedrohlich. Dann zog der TBV nach; 16:16 hieß es in der 58. Minute. Nur Sekunden später geriet Lemgo erneut in Rückstand, den Ziegler kurz vor Schluss noch ausgleichen konnte. 17:17 hieß es nun, und drei Sekunden vor Schluss stürmte Fredenbeck nach einem Time Out heran.

Da warf sich Lemgos Manager Jürgen Kuchenbecker – gegen jede Regel – in die Bresche. Für alle Welt unerwartet, fing er den Ball ab und vereitelte damit den Fredenbecker Angriff. Natürlich gab es Tumulte, natürlich erhielt Kuchenbecker für diese Aktion die mehr als verdiente Rote Karte und natürlich kam Fredenbeck nun zu einem Freiwurf, der sogar im Lemgoer Tor landete. Gegeben wurde der Treffer aber nicht, weil der Freiwurf als Sprungwurf ausgeführt worden war. Lemgo hielt das Unentschieden.

Kuchenbeckers Rote Karte jedoch blieb im Gedächtnis haften. Frank Ziegler, der den Ausgleich zum 17:17 geworfen hatte, erinnert sich: „Natürlich wäre eine solche Aktion heute undenkbar. Aber Jürgen Kuchenbecker war nicht einfach nur Manager des Vereins. Er war in erster Linie ein leidenschaftlicher Sportsmann, mit Leib und Seele, Fan des TBV. So hat er auch in diesem Spiel alles gegeben und wirklich alles für den Verein versucht."

Foto: Jörg Hagemann

VOM ABSTIEGSASPIRANTEN ZUM TOP-TEAM 1989/1990

Seit 1983 kämpfte der TBV Saison für Saison gegen den Abstieg. Trainerwechsel waren an der Tagesordnung, dazu dramatische Saisonfinals, in denen es nur mit Mühe gelang, die Klasse zu halten. In der Saison 1989/1990 jedoch drehte der TBV mit seinem neuen Trainer, dem erst 35-jährigen Ungarn Lajos Mocsai, den Spieß um. Mocsais akribische Arbeit zeigte zunächst kaum Früchte: Nach fünf Spielen stand der TBV mit 1:9 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz. Aber dann setzte der Erfolg endlich ein: 11:1 Punkte holte das Team, das mittlerweile auch technisch deutlich reifer war. Langsam aber sicher entstand eine Spitzenmannschaft, der aber noch die Konstanz fehlte.

Lemgo beendete die Saison auf Platz 8 und erreichte damit die Play-Offs, die in dieser Saison erstmals ausgespielt wurden. Außerdem stand das Team noch im Viertelfinale des DHB-Pokals, auswärts gegen den VFL Gummersbach. Lemgo war Außenseiter, gewann sensationell mit 21:16 und konnte erst im Halbfinale in Kiel gestoppt werden.

Spektakulären Handball bot der TBV dann bei den Play-offs. Gegen TUSEM Essen gelang ein 23:21 Auswärtssieg, und das Rückspiel wurde ein wahrer Krimi. Nach zweimaliger Verlängerung (19:19 sowie 23:23) gewann Lemgo das Spiel mit einem Freiwurf in der allerletzten Sekunde 26:25. Damit erreichte das einstige Kellerkind der Liga das Play-Off-Halbfinale; gegen den TV Großwallstadt wurde dann das Ende der Fahnenstange erreicht. Gleichwohl: Jürgen Kuchenbecker, damals vielfach umstrittener und zugleich verdienter Manager der Lemgoer, resümierte: "Noch nie haben wir soviel erreicht, wie in diesem Jahr. Eine wirklich große Leistung von Trainer und Mannschaft."

Foto: Jörg Hagemann

DER NEUE TBV: STRUKTURWANDEL ALS VORAUSSETZUNG FÜR SPITZENSPORT IN OWL

Anfang der 1990er Jahre stand der TBV Lemgo am Scheideweg. Die zunehmende Kommerzialisierung des Profihandballs brachte den Verein an seine sportlichen und wirtschaftlichen Grenzen. Niemand erkannte die Zeichen der Zeit deutlicher, als das frühere Präsidiumsmitglied Paul Reimann. Noch 1993 bat ihn der Vorstand um Unterstützung, und bald darauf wurde Reimann mit allen notwendigen Kompetenzen ausgestattet, um den TBV für die Zukunft fit zu machen. 

Reimanns Vision war bemerkenswert: "Der TBV musste eine Spitzenmannschaft werden – nichts ist schlimmer als Mittelmaß. Darum haben wir die Mannschaft erheblich verstärkt, trotz enger finanzieller Spielräume. Spieler wie Marc Baumgartner und Daniel Stephan wurden geholt und der TBV musste mit ihnen Erfolg haben. Zugleich galt es aber auch, die gesellschaftsrechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen zu reformieren. Denn wir konnten unser Ziel, in Lemgo Spitzenhandball zu treiben, nur vor dem Hintergrund hochprofessioneller Vereinsstrukturen realisieren. Doch der Saisonauftakt 1994/95 verlief alles andere als erfolgreich. Bis Mitte Oktober steckte das Team im Tabellenkeller fest, stabilisierte sich dann aber und spielte schließlich auf höchstem Niveau. Und schließlich hatten wir das Glück, in dieser Saison den DHB-Pokal und in der darauf folgenden Saison den Europapokal zu holen. Damit waren wir an der Spitze angelangt und wurden zu einem wertvollen Partner der ostwestfälischen Wirtschaft."

Mit Gewinn des Europapokals 1996 konnte Reimann die Gründung der „TBV Lemgo Handball-Bundesliga-Spielbetriebs- und Marketing GmbH & Co. KG“ realisieren. Bald waren über 30 Kommanditisten gefunden, die je eine Mindesteinlage von 10.000,- DM einbrachten. Zunächst tilgte die KG einen Großteil der Schulden des Gesamtvereins und stellte ihn von der Haftung für den Bundesligabetrieb frei. Vor allem aber bot die KG einen professionellen Rahmen, um fortan sämtliche Belange des Bundesligahandballs zu managen. Mit einem Budget von 2,7 Millionen DM ging es in die neue Saison 1996/97, an deren krönendem Ende das Double gelang.

Heute ist die KG längst zum Spiegelbild der Ostwestfälischen Wirtschaft geworden. Namhafte regionale, national und international tätige Unternehmen der Region engagieren sich hier. Mit ihrem Einsatz machen sie die Weiterentwicklung des Spitzensports möglich und unterstützen zugleich die Fortentwicklung des Breitensports, der seine Vorbilder unter den Profis findet. Zudem setzen sie ein Zeichen für die Region: Denn der TBV Lemgo ist längst zum Aushängeschild für ganz Ostwestfalen-Lippe geworden.

DER DHB-POKALSIEG 1995

Die Saison 1994/95 begann mit großen Erwartungen. Ganz oben wollte der TBV mitspielen, die Teilnahme am Europapokal sollte erreicht werden. Doch zunächst stürzte das Team gnadenlos ab. In den ersten Oktoberwochen belegte der TBV den letzten Tabellenplatz. Doch dann fand das Team zur mannschaftlichen Geschlossenheit zurück.

Düsseldorf und Großwallstadt wurden geschlagen, und am Ende der Hinrunde standen die Lemoger wieder im Mittelfeld der Tabelle. In der Rückrunde spielten sie nahezu meisterlich auf: Am Ende der Saison belegte das Team den 3. Tabellenplatz, und im Pokal war die Endrunde der letzten Vier erreicht. Unvergessen das Halbfinale gegen den THW Kiel, der Lemgo nur Wochen zuvor noch mit 31:19 abgefertigt hatte. Diesmal hielten die Lemgoer dagegen. Mit Kampfkraft und Siegeswillen rangen sie Kiel nach Verlängerung mit 17:16 nieder. Und nun folgte das Pokalfinale gegen Düsseldorf, das schließlich mit 24:18 gewonnen wurde: Der TBV war Deutscher Pokalsieger 1995.

Nach diesem Sieg brach das Handballfieber in der Region endgültig aus. Gut 2.000 Fans bejubelten ihr Team begeistert. Jens Lause erzählt: "Nach diesem ersten Titel wuchs eine starke Fangemeinde zusammen. Jeder Zuschauer wurde zum richtigen TBV-Fan, jeder wollte dabei sein und lebte seine eigenen Emotionen im Umfeld des TBV aus. Lemgo kämpfte ab jetzt nicht mehr gegen den Abstieg oder als "Graue Maus" im Mittelfeld der Liga, sondern avancierte zum sportlich erfolgreichen Aushängeschild einer ganzen Region."

Foto: Jörg Hagemann

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