Der Ballspielverein Lemgo 1911 - so die offizielle Klubbezeichnung bis in das Kriegsjahr 1942 hinein - besteht bereits 13 Jahre, als die Bälle in Lemgo endlich das Fliegen lernen. Die erste Handballmannschaft setzt sich denn auch, wie es Gründungsmitglied Fritz Brenker einmal humorig ausdrückte, überwiegend aus "ausgedienten und kaputten Fußballern" zusammen.
Einen "Starspieler" gibt es auch damals schon. Lemgos Alt-Bürgermeister August Flohr ist der bekannteste Akteur in einer Mannschaft, die stets weit reisen muß. Da der BV Lemgo als einziger lippischer Verein dem Westdeutschen Spielverband angehört, darf er nur gegen außerlippische Vereine antreten. Die Fahrten führen zu den Bielefelder Mannschaften Arminia, Polizei, VfB, Fichte und SuS sowie nach Gütersloh.
Seinen heutigen Vereinsnamen Turn- und Ballspielverein von 1911 trägt der Verein seit dem zweiten Weltkrieg. Da in Städten unter 20000 Einwohnern nur ein Klub zur Pflege der Leibesübungen erlaubt ist, vereinigen sich Turner und Sportler im TBV Lemgo, einem Zusammenschluß aus den Traditionsvereinen BV 1911, der Deutschen Turnerschaft und dem Arbeitersportverein.
Erste nennenswerte Erfolge stellen sich in den sechziger Jahren in der Feldhandball-Ära ein. Der TBV Lemgo schlägt in der Regionalliga, seinerzeit die höchste deutsche Spielklasse, eine scharfe Klinge. Sowohl als Spieler als auch als Trainer hautnah dabei ist Dieter Schönbrodt, später Sportlicher Leiter des TBV Lemgo. Er führt die Hallenhandballmannschaft 1974 als Coach in die Oberliga.

1978 werden unter dem frisch gewählten Abteilungsleiter Werner Westerhaus neue Wege beschritten. Mit der spektakulären Verpflichtung von Deutschlands Rekordnationalspieler Herbert Lübking bekommt der Handball in Lemgo seinen entscheidenden Schub.
Als der ursprünglich nur als Trainer vorgesehene Lübking in der Saison 1979/80 selbst noch einmal aktiv eingreift, nimmt die Meisterschaft in der Oberliga Konturen an. Parallel zum sportlichen Aufschwung erfolgt der Umzug aus der kleinen Heldmanskamphalle in die Kreissporthalle auf dem Lüttfeld. Die Regionalliga ist nur eine Durchgangsstation.

Bereits 1981/82 glückt der Aufstieg in die neu eingerichtete 2. Bundesliga. Erst am letzten Spieltag gelingt in Berlin der Klassenerhalt. Es ist das Abschiedsspiel von Herbert Lübking, der durch den blutjungen Mindener Postboten Hotti Bredemeier ersetzt wird. Ein Glücksgriff von Abteilungsleiter Jürgen Kuchenbecker, der seit 1980 die Geschicke leitet und eine rasante Entwicklung forciert. Der zweite Platz in der 2.Liga Nord berechtigt in der Saison 1982/83 zu zwei Relegationsspielen gegen den TuS Griesheim. 19:18 hat der TBV das Hinspiel in Südhessen gewonnen - der Bundesligaaufstieg scheint nur noch eine Formsache.

Das Traumziel vor Augen sind Harke, von Boenigk und Mannen eine Woche später wie gelähmt. Als der TuS Griesheim am 14. Mai 1983 bereits mit 13:7 führt, erlebt das Lüttfeld eine seiner größten Aufholjagden.
Getragen von einer Welle der Begeisterung biegt der TBV Lemgo das Spiel mit 18:16 noch herum und findet sich in der Saison 1983/84 in der höchsten deutschen Spielklasse wieder.
Erster Bundesligatrainer wird mit Ulrich Schönbrodt ein echtes Eigengewächs, das natürlich immer an seinem schweren Herzens nach Düsseldorf weitergewanderten Vorgänger Horst Bredemeier gemessen wird. Im Februar 1984 wird Schönbrodt von Hennes Sulk abgelöst. Der Abstieg kann jedoch nur aufgrund der Affäre Klempel und dem Zwangsabstieg von Frisch-Auf Göppingen vermieden werden.

Die Saison 1984/85 steht ganz im Zeichen von Sigurdur Sveinsson. Der urwüchsige Isländer katapultiert sich mit 191 Treffern an die Spitze der Bundesligatorschützenliste. Weil der TBV Lemgo auswärts einfach kein Bein an die Erde bekommt, ist der Klassenerhalt erneut akut gefährdet. Hennes Sulk wirft kurz vor Serienende frustriert das Handtuch. Per "Fernsteuerung" bereitet Hotti Bredemeier aus Düsseldorf die Mannschaft auf die letzten Saisonspiele vor.
Und das Wunder wird tatsächlich Wirklichkeit. Mit 25:20 feiert der TBV Lemgo im letzten Saisonspiel bei der SG Weiche-Handewitt seinen ersten Auswärtssieg nach zwei Jahren Bundesliga und schafft aus eigener Kraft den Klassenerhalt. Doch das Zittern geht weiter.
Unter Motivationskünstler Günter D. Klein, im Hauptberuf Dozent an der Sporthochschule in Köln, wird der TBV Lemgo in der Saison 1985/86 von zwei Schicksalsschlägen erschüttert. Torjäger Sveinsson zieht sich am fünften Spieltag in Gummersbach einen Kreuzbandriß zu und Jens Büscher, ein großes Kreisläufertalent, verunglückt tödlich bei einem Verkehrsunfall. Am Ende springt Platz zehn heraus.
Einen Rang besser endet die Saison 1986/87. Die folgenden beiden Spielzeiten stehen ganz im Zeichen von Wolfgang Herz, dem Co-Trainer des zum OSC Dortmund gewechselten Günter D. Klein.
Offiziell immer nur im zweiten Glied, führt er die Mannschaft nach dem mißglückten Engagement von Walter Haase in der Saison 1987/88 zum Klassenerhalt und spielt nach der Entlassung von Vitomir Arsenijevic auch in der Saison 1988/89 erfolgreich den Feuerwehrmann. Kontinuität hält im Sommer 1989 mit der Verpflichtung von Lajos Mocsai Einzug. Der Handballprofessor aus Budapest, der die ungarische Nationalmannschaft gerade zur Vizeweltmeisterschaft geführt hat, kultiviert den Handballsport in der Region.

Kontinuierlich geht es bergauf. Auf Anhieb schafft der TBV Lemgo als Tabellenachter in der Spielzeit 1989/90 den Sprung in die Play-Offs und muß sich erst in der Verlängerung des Halbfinales dem späteren Titelträger TV Großwallstadt geschlagen geben. Als die zuvor mit dem Schweizer WM-Torschützenkönig Marc Baumgartner und den beiden Rheinhausener Nachwuchstalenten Daniel Stephan und Achim Schürmann ergänzte Mannschaft 1994/95 keinen Respekt mehr in fremden Hallen zeigt und mit sieben Siegen endlich ihre Auswärtsschwäche ablegt, rückt der Schritt zur nationalen Spitze immer näher. Der dritte Platz in der Meisterschaftsserie wird veredelt mit der Deutschen Pokalmeisterschaft. Nach dem 24:18 über den HSV Düsseldorf verwandeln zahlreiche Lemgoer Fans die Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg am 2.April 1995 in ein Tollhaus.
Das i-Tüpfelchen der auf Rang drei beschlossenen Saison 1995/96 ist die erstmalige Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb. Über Velenje, Wolgograd und Kosice stürmt der TBV Lemgo ungeschlagen ins Halbfinale, wo nach einem 25:23-Hinspielsieg am 30. März 1996 die Hölle von Bitola auf Zerbe & Co. wartet. Drei Sekunden vor Schluß gelingt Frank Ziegler das entscheidende Tor zum 23:24. 15000 mazedonische Fans vor und 6000 fanatische Zuschauer in der gefürchteten Mladost-Halle sind maßlos enttäuscht.

Zum Europapokalfinalhinspiel zieht der TBV Lemgo am 20. April 1996 erstmals in die Bielefelder Seidenstickerhalle um. Das vor 5000 Zuschauern herausgespielte 24:19-Polster reicht auch im Rückspiel. Nach dem 25:26 bei Teka Santander bereiten über 5000 Lemgoer dem frischgebackenen Europacupsieger der Pokalsieger auf dem Marktplatz einen rauschenden Empfang.
Für Lajos Mocsai ist es nach sieben Jahren die Stunde des Abschieds. Ebenso für Rechtsaußen Frank Ziegler, der 14 Jahre lang für den TBV die Zuverlässigkeit in Person darstellte. Ein glückliches Händchen beweisen Beiratsvorsitzender Paul-Gerhard Reimann und Sportlicher Leiter Dieter Schönbrodt bei der schwierigen Auswahl des Mocsai-Nachfolgers. Der 36jährige Weißrusse Juri Schewzow feiert einen sensationellen Einstand und erzielte mit aktuellen 32:2 Punkten einen neuen, fantastischen Startrekord in der jüngsten Bundesligageschichte.
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Quelle: Jörg Hagemann (j.hagemann@lz-online.de)
Mit 53:7 Punkten fegt der TBV über den Rest der Liga hinweg und hat am Ende der Saison 1996/1997 unglaubliche zwölf Punkte Vorsprung auf die SG Flensburg-Handewitt auf Platz zwei. Und auch im DHB-Pokal ist Lemgo nicht zu stoppen. Mit einem souveränen 28:23 gegen die HSG Dutenhofen/Münchholzhausen macht der TBV das Double perfekt.
Fynn Holpert, bis dato im Tor des TBV beschäftigt, wechselt vom Spielfeld nahtlos in die Geschäftsführung des TBV Lemgo und treibt in den folgenden Jahren die Erfolgsgeschichte des Vereins entscheidend mit voran.
So folgen auf das Meisterjahr in der Liga die Plätze zwei (1998), drei (1999)und vier (2000). In seiner letzten Saison mit dem TBV scheitert Schewzow denkbar knapp an der zweiten deutschen Meisterschaft. Am vorletzten Spieltag unterliegt der TBV in Großwallstadt mit 19:22 und landet am Ende mit 58:18 Punkten einen Zähler hinter dem SC Magdeburg.
Nach der Saison trennen sich die Wege des TBV Lemgo und Schewzow, der fortan bei TuSEM Essen die sportlichen Geschicke leitete. Als Nachfolger trat Zbigniew Tluczynski in der Saison 2001/2002 in die großen Fußstapfen seines Vorgängers. Mit dem gebürtigen Polen gewinnt der TBV zwar den DHB-Pokal durch ein 25:23 über den SC Magdeburg und belegt in der Tabelle Platz drei, doch die Liaison ist bereits nach einer Saison wieder beendet.
Der Verein präsentiert als neuen Trainer Volker Mudrow. Die Fachwelt ist erstaunt, dass der TBV auf einen damals 33-jährigen Trainer vertraut, der bislang noch keine Erstliga-Erfahrung aufweisen konnte. Doch die Zweifler sollten schnell eines Besseren belehrt werden. Mit fantastischem Tempohandball und der konsequent umgesetzten "schnellen Mitte" wird Lemgo mit der Rekord-Punktzahl von 62:6 Punkten 2003 zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte Deutscher Meister.

Der erhoffte Griff nach Europas Krone misslingt dem TBV Lemgo in den folgenden Jahren, in denen sich jeweils Celje Pivovarna in der Champions League als zu hohe Hürde erweist.
2006 ist es dann endlich soweit: Nach zwei dramatischen Halbfinal-Spielen im EHF-Cup gegen den VfL Gummersbach steht der TBV zehn Jahre nach dem Triumph im Pokalsieger-Wettbewerb erneut in einem europäischen Finale. In Göppingen gewinnt der TBV mit 30:29 und hat die besten Voraussetzungen geschaffen, vor heimischem Publikum den Triumph perfekt zu machen. Nach einem großen Kampf siegt Lemgo auch im Rückspiel mit 25:22 und holt sich den zweiten internationalen Titel in der Geschichte des Vereins.

2006 beendet einer der im wahrsten Sinne des Wortes ganz Großen des Welthandballs seine Karriere. Volker Zerbe beendet seine aktive Laufbahn und wechselt als Sportlicher Leiter in das Management "seines" TBV. Ein Jahr später wechselt Geschäftsführer Fynn Holpert nach Flensburg, sein Nachfolger wird fast logischerweise Volker Zerbe.
2007 ist für den TBV Lemgo ein sehr bedeutsames: Mit der heristo AG erhält der TBV Lemgo nicht nur einen neuen Hauptsponsor, sondern einen Mehrheitsgesellschafter, der als Unternehmen der Region den Spitzenhandball beim TBV auf Jahre hinaus sichert.
Sportlich braucht der TBV in dieser Phase jedoch Zeit, sich entsprechend zu finden. Im Januar 2007 wird Trainer Volker Mudrow beurlaubt, zur neuen Saison 2007/2008 wird Peter Meisinger sein Nachfolger, dessen Vertrag jedoch nach vier Monaten in beiderseitigem Einvernehmen wieder aufgelöst wird. Auf Peter Meisinger folgt Markus Baur als Trainer, der nach langen Jahren als Spieler des TBV nun die Geschicke an der Seitenlinie lenkt. Baur wird in seinem ersten Jahr Vierter, wird nach der verpassten Champions League Qualifikation im Sommer 2009 allerdings ebenso beurlaubt wie der Sportliche Leiter Daniel Stephan.
Einen Tag vor dem ersten Saisonspiel der Saison 2009/2010 sagt Volker Mudrow an seiner alten Wirkungsstätte als Trainer zu. Und wie in seinem Premierenjahr 2003 holt "Mu" mit dem TBV den nächsten Titel: Im EHF-Cup triumphiert der TBV im Finale gegen die Kadetten Schaffhausen und holt somit den dritten internationalen Titel der Vereinsgeschichte.
Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Vereins ist die erneute Erweiterung der Lipperlandhalle. 2005 wird das neue Lemoger Schmuckstück fertig gestellt und der TBV hat fortan eine knapp 5.000 Zuschauer fassende, hochmoderne Multifunktionsarena als neue Heimspielstätte. Parallel dazu ging Lemgo bereits den Weg, mit dem Gerry Weber Stadion in Halle eine neue Heimspielstätte aufzubauen, um bei Spitzenspielen dem Ansturm der Fans gewachsen zu sein. Die Premiere findet am 9. Mai 2004 gegen den VfL Gummersbach statt. Knapp 11.000 Zuschauer erleben in dem einstigen Tennis-Tempel, den 32:30-Sieg des TBV Lemgo. Dieses Spiel war sicherlich einer der Grundsteine für die Entscheidung die Halle weiter umzubauen und das Gerry Weber Stadion somit zur WM-Spielstätte 2007 ernennen zu können.

Gerade einmal vier Monate nach dem ersten Auftritt im Gerry Weber Stadion schreibt der TBV erneut Handball-Geschichte - für die Ewigkeit. 30.925 Zuschauer erleben den Saisonauftakt der Spielzeit 2004/2005 gegen den THW Kiel in der Arena AufSchalke und bilden eine gigantische Kulisse, die gleichzeitig einen Weltrekord für Vereinsspiele bedeutet. Lediglich die 26:31-Niederlage trübt die gigantische Handballparty aus Lemgoer Sicht.
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| Mannschaft | Spiele | Diff. | Punkte |
| THW Kiel | 34 | +223 | 61:7 |
| SG Flensburg-Handewitt | 34 | +171 | 54:14 |
| Rhein-Neckar Löwen | 34 | +115 | 54:14 |
| Füchse Berlin | 34 | +84 | 51:17 |
| HSV Hamburg | 34 | +91 | 49:19 |
