
1983 stieg der TBV Lemgo völlig überraschend in die Erste Bundesliga auf. Und in den ersten Jahren kannte das Team nur ein Ziel: Den Klassenerhalt. Mit viel Glück überstand der TBV die Saison 1983/84. Doch in der Saison 84/85 schien es lange, als sei eben dieses Glück bald aufgezehrt. Nicht einen einzigen Auswärtssieg hatte die Mannschaft in zwei Jahren Bundesligazugehörigkeit errungen. Und zwei Spieltage vor Saisonschluss, mitten im heißesten Abstiegskampf, warf auch noch Trainer Hennes Sulk das Handtuch!
Lemgos Ex-Trainer Hotti Bredemeier, der den TBV zwei Jahre zuvor in die 1. Liga geführt hatte, sprang in die Bresche. Er betreute die Mannschaft für die letzten zwei Spiele der Saison, teilweise sogar per Telefon! Denn eigentlich stand Bredemeier ja in Diensten der TuRu Düsseldorf. Fortan siegte Lemgo, zunächst im Heimspiel gegen Hofweier mit 22:18. Aber für den Klassenerhalt musste jetzt noch ein Sieg im Spiel gegen die gleichfalls vom Abstieg bedrohte SG Weiche-Handwitt her: Ein Auswärtssieg war gefordert, der erste nach zwei Jahren!
Am 18. Mai 1985 war es soweit: Nach 25 sieglosen Auswärtsspielen landete Lemgo unter unerhörtem Druck den ersten Sieg in fremder Halle. Und dennoch blieb das Team gelassen. Diethard von Boenigk – von 1983 bis 1988 spielte er für den TBV, erinnert sich: „Jeder hatte uns doch längst abgeschrieben, und deshalb konnten wir eigentlich nur gewinnen, während die Flensburger zum Erfolg verdammt waren. Wir waren damals eine superhomogene Truppe und haben uns, telefonisch von Hotti Bredemeier beraten, auf die Flensburger eingestellt. Daher kamen wir auch gut ins Spiel und haben es geschafft, hinten die Bude zuzunageln. Und je länger das Spiel dauerte, desto größer wurde der Druck für die SG Weiche-Handewitt. Wir konnten konzentriert bleiben – und holten das Spiel schließlich nach Hause“: Mit 25:20 gewann der TBV und schaffte damit den Klassenerhalt.
Für einen Moment lang schien es, als sei die SG Weiche-Handewitt abgestiegen. Doch als der Hallensprecher das Unentschieden des Konkurrenten TuRa Berkamen verkündete, war auch der Flensburger Klassenerhalt gesichert. Und nun startete eine gemeinsame Nichtabstiegssause, wie sie bis dahin nicht gesehen worden war.
Foto: Jörg Hagemann

Die dritte Bundesligasaison 1985/86 stand erneut im Zeichen des Abstiegskampfes. Der nie erwartete Auftaktsieg gegen den THW Kiel gab den Lemgoer Fans Hoffnung, aber dann brach das Team ein. Siggi Sveinsson, bislang einzig starker Angreifer des TBV, fiel für Monate verletzt aus. Katastrophale Niederlagen machten die Hinrunde zu einer Tortur, und die Rückrunde verlief schlimmer denn je: Mit 9:27 Punkten stand der TBV im April 1986 auf den vorletzten Platz, beinahe schon abgestiegen.
Doch dann kehrte Sveinsson zurück, und der TBV nahm den Kampf an: Sieg in Göppingen, Sieg in Minden, Heimsiege gegen Dortmund und Düsseldorf sowie ein Unentschieden gegen Essen hielten die Mannschaft im Spiel. Und wieder sollte die letzte Partie der Saison über Abstieg oder Ligaverbleib entscheiden. Gegen die Reinickendorfer Füchse war Lemgo zum Siegen verdammt, und das Team hielt dem unerhörten Druck stand. Mit 33:16 holte der TBV den höchsten Sieg seiner Bundesligageschichte: Klassenerhalt geschafft.
In der Saison 1986/87 sollte es endlich aufwärts gehen, Schluss mit dem ewigen Abstiegskampf. Mit einer deutlich verstärkten Mannschaft, in der jede Position doppelt besetzt war, spielte das Team seine Heimstärke voll aus: 23 Zähler holte der TBV in der heimischen Lüttfeldhalle. Selbst starke Teams wie TUSEM Essen und der THW Kiel wurden unter dem frenetischen Beifall der Lemgoer Fans geschlagen. Doch auswärts blieben die Leistungen unterirdisch. Erst im März war der erste Auswärtssieg der Saison erreicht: 24:23 hieß es am Ende einer unglaublich spannenden Partie gegen die SG Weiche-Handewitt. Und nach einem zweiten Auswärtssieg gegen den VFL Hameln (23:22), war der Klassenerhalt vier Tage vor Saisonende geschafft. Platz 9 bei 23:29 Punkten hieß es am Ende der Saison, die trotz aller Schwächen den stärksten TBV aller Zeiten gesehen hatte.
Die Mannschaft – daran gab es keinen Zweifel mehr – war tatsächlich in der Ersten Bundesliga angekommen. Heinz Hahn, der den TBV als Betreuer Jahre lang begleitet hat, resümiert: "Der Schlüssel des Erfolges lag in der Geschlossenheit und im familiären Charakter der Mannschaft. Das Miteinander im Team und die Leidenschaft für den Verein prägten den TBV in dieser Zeit. Auf dieser Basis konnten wir den jahrelangen Abstiegskampf durchstehen und uns schließlich erfolgreich behaupten."
Foto: Jörg Hagemann

Die Saison 1989/90 sollte zu einem Wendepunkt in der Geschichte des TBV Lemgo werden. Denn nach den ersten fünf gnadenlos grausamen Spielen mit ganzen 1:9 Punkten, drehte das Team unter Trainer Moscai auf. Eine furiose Siegesserie folgte, und mit den schönsten Hoffnungen verabschiedete sich der TBV in die Winterpause. Im ersten Rückrundenspiel am 6. Januar jedoch – es ging gegen den VFL Fredenbeck – drohte eine Niederlage.
Sechs Minuten vor Schluss führte Fredenbeck mit 16:13 Toren, und die Situation war mehr als bedrohlich. Dann zog der TBV nach; 16:16 hieß es in der 58. Minute. Nur Sekunden später geriet Lemgo erneut in Rückstand, den Ziegler kurz vor Schluss noch ausgleichen konnte. 17:17 hieß es nun, und drei Sekunden vor Schluss stürmte Fredenbeck nach einem Time Out heran.
Da warf sich Lemgos Manager Jürgen Kuchenbecker – gegen jede Regel – in die Bresche. Für alle Welt unerwartet, fing er den Ball ab und vereitelte damit den Fredenbecker Angriff. Natürlich gab es Tumulte, natürlich erhielt Kuchenbecker für diese Aktion die mehr als verdiente Rote Karte und natürlich kam Fredenbeck nun zu einem Freiwurf, der sogar im Lemgoer Tor landete. Gegeben wurde der Treffer aber nicht, weil der Freiwurf als Sprungwurf ausgeführt worden war. Lemgo hielt das Unentschieden.
Kuchenbeckers Rote Karte jedoch blieb im Gedächtnis haften. Frank Ziegler, der den Ausgleich zum 17:17 geworfen hatte, erinnert sich: „Natürlich wäre eine solche Aktion heute undenkbar. Aber Jürgen Kuchenbecker war nicht einfach nur Manager des Vereins. Er war in erster Linie ein leidenschaftlicher Sportsmann, mit Leib und Seele, Fan des TBV. So hat er auch in diesem Spiel alles gegeben und wirklich alles für den Verein versucht."
Foto: Jörg Hagemann

Seit 1983 kämpfte der TBV Saison für Saison gegen den Abstieg. Trainerwechsel waren an der Tagesordnung, dazu dramatische Saisonfinals, in denen es nur mit Mühe gelang, die Klasse zu halten. In der Saison 1989/1990 jedoch drehte der TBV mit seinem neuen Trainer, dem erst 35-jährigen Ungarn Lajos Mocsai, den Spieß um. Mocsais akribische Arbeit zeigte zunächst kaum Früchte: Nach fünf Spielen stand der TBV mit 1:9 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz. Aber dann setzte der Erfolg endlich ein: 11:1 Punkte holte das Team, das mittlerweile auch technisch deutlich reifer war. Langsam aber sicher entstand eine Spitzenmannschaft, der aber noch die Konstanz fehlte.
Lemgo beendete die Saison auf Platz 8 und erreichte damit die Play-Offs, die in dieser Saison erstmals ausgespielt wurden. Außerdem stand das Team noch im Viertelfinale des DHB-Pokals, auswärts gegen den VFL Gummersbach. Lemgo war Außenseiter, gewann sensationell mit 21:16 und konnte erst im Halbfinale in Kiel gestoppt werden.
Spektakulären Handball bot der TBV dann bei den Play-offs. Gegen TUSEM Essen gelang ein 23:21 Auswärtssieg, und das Rückspiel wurde ein wahrer Krimi. Nach zweimaliger Verlängerung (19:19 sowie 23:23) gewann Lemgo das Spiel mit einem Freiwurf in der allerletzten Sekunde 26:25. Damit erreichte das einstige Kellerkind der Liga das Play-Off-Halbfinale; gegen den TV Großwallstadt wurde dann das Ende der Fahnenstange erreicht. Gleichwohl: Jürgen Kuchenbecker, damals vielfach umstrittener und zugleich verdienter Manager der Lemgoer, resümierte: "Noch nie haben wir soviel erreicht, wie in diesem Jahr. Eine wirklich große Leistung von Trainer und Mannschaft."
Foto: Jörg Hagemann

Anfang der 1990er Jahre stand der TBV Lemgo am Scheideweg. Die zunehmende Kommerzialisierung des Profihandballs brachte den Verein an seine sportlichen und wirtschaftlichen Grenzen. Niemand erkannte die Zeichen der Zeit deutlicher, als das frühere Präsidiumsmitglied Paul Reimann. Noch 1993 bat ihn der Vorstand um Unterstützung, und bald darauf wurde Reimann mit allen notwendigen Kompetenzen ausgestattet, um den TBV für die Zukunft fit zu machen.
Reimanns Vision war bemerkenswert: "Der TBV musste eine Spitzenmannschaft werden – nichts ist schlimmer als Mittelmaß. Darum haben wir die Mannschaft erheblich verstärkt, trotz enger finanzieller Spielräume. Spieler wie Marc Baumgartner und Daniel Stephan wurden geholt und der TBV musste mit ihnen Erfolg haben. Zugleich galt es aber auch, die gesellschaftsrechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen zu reformieren. Denn wir konnten unser Ziel, in Lemgo Spitzenhandball zu treiben, nur vor dem Hintergrund hochprofessioneller Vereinsstrukturen realisieren. Doch der Saisonauftakt 1994/95 verlief alles andere als erfolgreich. Bis Mitte Oktober steckte das Team im Tabellenkeller fest, stabilisierte sich dann aber und spielte schließlich auf höchstem Niveau. Und schließlich hatten wir das Glück, in dieser Saison den DHB-Pokal und in der darauf folgenden Saison den Europapokal zu holen. Damit waren wir an der Spitze angelangt und wurden zu einem wertvollen Partner der ostwestfälischen Wirtschaft."
Mit Gewinn des Europapokals 1996 konnte Reimann die Gründung der „TBV Lemgo Handball-Bundesliga-Spielbetriebs- und Marketing GmbH & Co. KG“ realisieren. Bald waren über 30 Kommanditisten gefunden, die je eine Mindesteinlage von 10.000,- DM einbrachten. Zunächst tilgte die KG einen Großteil der Schulden des Gesamtvereins und stellte ihn von der Haftung für den Bundesligabetrieb frei. Vor allem aber bot die KG einen professionellen Rahmen, um fortan sämtliche Belange des Bundesligahandballs zu managen. Mit einem Budget von 2,7 Millionen DM ging es in die neue Saison 1996/97, an deren krönendem Ende das Double gelang.
Heute ist die KG längst zum Spiegelbild der Ostwestfälischen Wirtschaft geworden. Namhafte regionale, national und international tätige Unternehmen der Region engagieren sich hier. Mit ihrem Einsatz machen sie die Weiterentwicklung des Spitzensports möglich und unterstützen zugleich die Fortentwicklung des Breitensports, der seine Vorbilder unter den Profis findet. Zudem setzen sie ein Zeichen für die Region: Denn der TBV Lemgo ist längst zum Aushängeschild für ganz Ostwestfalen-Lippe geworden.

Die Saison 1994/95 begann mit großen Erwartungen. Ganz oben wollte der TBV mitspielen, die Teilnahme am Europapokal sollte erreicht werden. Doch zunächst stürzte das Team gnadenlos ab. In den ersten Oktoberwochen belegte der TBV den letzten Tabellenplatz. Doch dann fand das Team zur mannschaftlichen Geschlossenheit zurück.
Düsseldorf und Großwallstadt wurden geschlagen, und am Ende der Hinrunde standen die Lemoger wieder im Mittelfeld der Tabelle. In der Rückrunde spielten sie nahezu meisterlich auf: Am Ende der Saison belegte das Team den 3. Tabellenplatz, und im Pokal war die Endrunde der letzten Vier erreicht. Unvergessen das Halbfinale gegen den THW Kiel, der Lemgo nur Wochen zuvor noch mit 31:19 abgefertigt hatte. Diesmal hielten die Lemgoer dagegen. Mit Kampfkraft und Siegeswillen rangen sie Kiel nach Verlängerung mit 17:16 nieder. Und nun folgte das Pokalfinale gegen Düsseldorf, das schließlich mit 24:18 gewonnen wurde: Der TBV war Deutscher Pokalsieger 1995.
Nach diesem Sieg brach das Handballfieber in der Region endgültig aus. Gut 2.000 Fans bejubelten ihr Team begeistert. Jens Lause erzählt: "Nach diesem ersten Titel wuchs eine starke Fangemeinde zusammen. Jeder Zuschauer wurde zum richtigen TBV-Fan, jeder wollte dabei sein und lebte seine eigenen Emotionen im Umfeld des TBV aus. Lemgo kämpfte ab jetzt nicht mehr gegen den Abstieg oder als "Graue Maus" im Mittelfeld der Liga, sondern avancierte zum sportlich erfolgreichen Aushängeschild einer ganzen Region."
Foto: Jörg Hagemann
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| Mannschaft | Spiele | Diff. | Punkte |
| THW Kiel | 31 | +210 | 55:7 |
| Rhein-Neckar Löwen | 32 | +91 | 50:14 |
| SG Flensburg-Handewitt | 31 | +153 | 48:14 |
| Füchse Berlin | 32 | +82 | 47:17 |
| HSV Hamburg | 32 | +88 | 46:18 |
